An unmögliche Dinge denken

Alice lachte. „Ich brauch es gar nicht zu versuchen,“ sagte sie. „Etwas Unmögliches kann man nicht glauben.“ „Du wirst darin eben noch nicht die rechte Übung haben“ sagte die Königin. „In deinem Alter habe ich täglich eine halbe Stunde darauf verwendet. Zuzeiten habe ich vor dem Frühstück bereits bis zu sechs unmögliche Dinge geglaubt.“ (Lewis Carol, Alice im Wunderland)

Was hat das mit einem Unternehmen für Spezialchemikalien zu tun? Was sind WildCards und wie können sie uns helfen? Lesen Sie den Artikel von Björn Theis, Leiter von Foresight, "Unmögliches denken", um mehr zu erfahren.

Die anhaltende Covid-19-Pandemie, der Krieg in der Ukraine, die steigende Inflation, aber auch so banale Probleme wie die endlosen Check-in-Schlangen am Flughafen zeigen: Wir leben in einer Zeit von hoher globaler Unsicherheit, die durch komplexe Risikokonstellationen gekennzeichnet ist.

Um Risiken frühzeitig zu erkennen und geeignete Maßnahmen zu ergreifen, ist es für Evonik selbstverständlich, ein umfassendes Risikomanagementsystem zu betreiben. Damit dieses System weiter verbessert werden kann, wurde mein Team und ich gebeten, die Identifikation von Extremrisiken zu unterstützen, und so unsere Risikolandschaft um unwahrscheinliche, aber extreme Risiken zu ergänzen. Hierfür wählten wir die "Wild Cards" Methode ‒ ein Foresight-Prozess, der darauf abzielt, potenzielle Extremrisiken zu identifizieren, zu beschreiben und deren Folgen abzuschätzen. Wild Cards werden als weit in die Zukunft reichende Ereignisse mit einer sehr geringen Eintrittswahrscheinlichkeit, aber extremen und weitreichenden Veränderungspotenzial verstanden.  

Während die Wahrscheinlichkeit, dass sich eine einzelne Wild Card realisiert, extrem gering ist, nimmt die Gesamtzahl der Wild Cards über die Zeit zu. Dies bedeutet, dass die Wahrscheinlichkeit, dass keine einzige Wild Card eintritt, gegen Null strebt und somit die Geschichte der Menschheit langfristig von Wild Cards geprägt wird. Aufgrund dieser Erkenntnis wird die Methode der Wild Cards zur erweiterten Risikowahrnehmung immer häufiger in den Bereichen Risikobewertung und -management eingesetzt. Dies gilt vor allem für den Rückversicherungssektor, aber auch die meisten anderen Branchen, von der chemischen Industrie bis hin zu politischen Institutionen, wie Singapur oder die Europäische Union nutzen die Methode intensiv.

Björn Theis, Foresight-Leiter
Björn Theis, Foresight-Leiter

Björn und sein Team wenden die Wild Card Methode an, um die Widerstandsfähigkeit von Evonik gegenüber extremen Risiken zu erhöhen.

Die Geschichte der Wild Cards

Einer der ersten, der den Wild Cards Ansatz verwendete war Pierre Wack ‒ besser bekannt als der Vater der explorativen Szenariomethode und Begründer der Corporate Foresight. Der französische Ölmanager leitete das Szenario-Team von Royal Dutch/Shell, welches eine beeindruckende Erfolgsbilanz vorweisen kann: Sie warnten Shell im Voraus vor der Energiekrise von 1973, dem Zusammenbruch des Ölmarktes 1986, dem Untergang der Sowjetunion sowie vor dem Aufkommen des islamischen Radikalismus. Wack prägte zwar nicht den Begriff "Wild Cards" ‒ er nannte sie "Rapids", aber er war der erste, der solche unwahrscheinlichen, aber extremen Störungen in seine Szenarienplanungsprozesse integrierte.

Der Begriff "Wild Cards" wurde erstmals in der Veröffentlichung "Wild Cards: A Multinational Perspective" aus dem Jahr 1992 verwendet. Das Buch war eine gemeinsame Veröffentlichung der Zukunftsforschungsinstitute BIPE Conseil in Frankreich, dem Copenhagen Institute for Futures Studies in Dänemark und dem Institute for the Future in den Vereinigten Staaten. Die Autor:innen definieren eine Wild Card als "eine zukünftige Entwicklung oder ein zukünftiges Ereignis mit einer relativ geringen Eintrittswahrscheinlichkeit, aber einer wahrscheinlich hohen Auswirkung auf das Geschäftsgebaren". Darüber hinaus entwickelten sie eine erste Sammlung von Wild Cards. Allerdings erläuterten sie die Methodik zur Erstellung und Verwendung der Cards nur unzureichend. Das Lob hierfür gebührt John Petersen, der in seinem Buch "Out of the Blue: How to Anticipate Big Future Surprises" (1999) die erste umfassende Beschreibung der Wild Card-Methode lieferte.

In Deutschland verfeinert dann die bekannten Zukunftsforscher:innen Angela und Karlheinz Steinmüller Petersens Methodik und veröffentlichten ihren Ansatz in dem Buch "Wild Cards-Wenn das Unwahrscheinliche eintritt" (2003). In dem Buch argumentieren Angela und Karlheinz Steinmüller, dass die Welt im Laufe der Geschichte immer vernetzter wird und somit der Wirkungsbereich einer einzelnen Wild Card zunimmt. Für die Steinmüllers ist es daher offensichtlich, dass die Erforschung von Wild Cards sowie die mögliche Vorbereitung und Vorbeugung auf diese im Laufe der Zeit immer wichtiger werden wird.

Lasst uns das Unerwartete teilen

Aufbauend auf der von Petersons und Steinmüllers entwickelten Methodik haben mein Team und ich gemeinsam mit Kolleg:innen aus dem Evonik Konzerncontrolling ein Wild Cards Projekt durchgeführt mit dem Ziel, die Widerstandsfähigkeit von Evonik gegenüber solchen extremen Risiken zu erhöhen und Wild Cards in die Risikoanalyse einzubeziehen, um damit das Risikobewusstsein von Evonik durch "Vorausdenken" zu erhöhen ‒ insgesamt wurden dabei 95 Wild Cards identifiziert.

Diese Gedanken über unerwartete Zukünfte wollen wir nun mit Ihnen teilen: Jeden Freitag werden wir eine neue Wild Card mit einer kurzen Bewertung veröffentlichen und natürlich sind mein Team und ich sehr neugierig auf Ihre Gedanken zu den einzelnen Karten. Was denken Sie, wie die Welt oder das Land, in dem Sie leben, aussehen wird, wenn der Joker eintritt? Wie wird es sich auf Ihren Arbeitsplatz, Ihre Branche oder Ihr Privatleben auswirken? Was war das Erste, was Ihnen beim Lesen der Karte in den Sinn kam?

Bleiben Sie also bitte dran für unsere erste Wild Card nächsten Freitag und kommentieren Sie sie ausgiebig! Wenn Sie außerdem eine potenzielle Wild Card im Kopf haben, können Sie uns und den LinkedIn-Lesern gerne in einem Kommentar davon erzählen und sie beschreiben!

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